Arthur Miller
Der Tod eines Handlungsreisenden
Kreutzfeldt hat bei aller Heftigkeit, mit der er das Stück eingedampft hat, bei einiger Gewagtheit, mit der Nebenpersonen umgemodelt werden, eine eindrucksvolle Aufführung hingelegt: Weil keine Halbherzigkeit dabei ist, die Entscheidung für das Psychogramm und mithin die Familientragödie konsequent durchgezogen wird, die künstlerischen Mittel - formale Stilisierung, die Projektionen - für die Erzählebene die richtigen sind.Die Regie konzentriert sich auf die Kopf- und Seelenschau eines gebrochenen Mannes, der sich freilich bis zuletzt etwas "ganz Großes" für sich und von seinen Söhnen erhofft. Den Wahn eines Lebenslügners, der am Ende ist, der aber der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen möchte, obwohl er sie insgeheim kennt. Im Kies rund ums Haus sät er zäh Gemüsesamen, obwohl dort niemals etwas wachsen wird.
Und Karl Heinz Glaser erweist sich als Klasse-Besetzung für den ambivalenten Willy Loman. Bei allem, was er mündlich von sich gibt, von den Aufschneidereien über den tollen Kerl, der er einmal war, über die Luftschlösser, die er für die Söhne baut und die Untauglichkeiten der beiden verleugnet, bis zu den Momenten der Verzweiflung und dem dann doch wieder zwanghaften Optimismus, mit dem er die finanzielle Rettung für den Ältesten durch den eigenen angeblichen Unfalltod ausmalt - das Körperliche hat bei Glaser die deutlichere Sprache. Er umklammert die alles durchschauende, aber unverdrossen liebende Frau Linda, die bei Sibylle Schleicher in sensiblen Händen ist. Umklammert beim Geständnis, nicht mehr Autofahren zu können, auch den jüngeren Sohn Happy, dem Raphael Westermeier immer wieder einen Schuss trockener Komik mitgibt. Ringt mit Biff, der bei diesem sichtbaren Ausbruch der beidseitig schwelenden Hassliebe obsiegt.
Es ist ohne Zweifel der Abend des Karl Heinz Glaser, der den so aussichtslosen wie trotzigen Kampf des Willy Loman eindrücklich macht, indem er andauernd in die Knie geht, selbst wenn er eine Faust ballt. Ganz klein macht er sich im riesigen Büro, wenn er den jungen Chef um Befreiung vom Außendienst bittet - und stattdessen rausfliegt. Das ist, mit Andreas Uhse, die einzige Szene, in der die Kälte der Arbeitswelt direkt vermittelt wird. Ein starker Kontrast zur durch eine Vielzahl von Zeichnungsprojektionen vorgeführten Traumebene.
Petra Kollros, Südwest-Presse
Die Familie ist das Thema. Nicht in ihrer heilen Form, sondern eine kränkelnde, wenn nicht kranke. Vater Willy Loman steht am Abgrund. Die Kündigung bedeutet seinen finanziellen Ruin, doch psychisch ist er schon lange ein Wrack. Vor dem zweistöckigen Haus, in das der Zuschauer direkt hineinsehen kann, liegt Kiesboden: Hier wächst nichts mehr, auch wenn Loman dies immer wieder beschwört. Und hier kommt es auch zu Handgreiflichkeiten, die sich dem Zuschauer beinahe brutal mitteilen. Trockener Staub wirbelt durch die Luft, dann wieder werden im Halbdunkel die projizierten Grafiken Orte der Erineerung und Phantasie - etwa eine sich drehende Weltkugel, wie Versuchsanordnungen nur skizziert, distanziert angetippt.
Karl-Heinz Glaser spielt Willy Loman mit allen Fasern seines Körpers. Er durchleidet den Zusammenbruch des Handlungsreisenden im Schweiße seines Angesichts. Und Sibylle Schleicher als Linda stellt die Momente der Agonie besonders intensiv heraus. Ihr Kummer teilt sich stumm und geradezu bedrängend mit. Großartig auch Antonio Lallo als Biff: leidenschaftlich, kontrastreich, schwankend zwischen dem zu großen und zu dicken Jungen und dem chaotischen Versager.
In der Ulmer Version wird auf das Requiem am Schluss des Stückes verzichtet. Es fehlte - nichts.
Schwäbische Zeitung
Kreutzfeldt machte den Klassiker zum emotionsgeladenen Gegenwarts-Drama. Den Feinschliff der Ulmer Inszenierung macht aus, dass der Berliner Ernst-Busch-Absolvent die Erfahrungsschätze seiner Zusammenarbeit mit der Deutschen Filmakademie einbringt. Kreutzfeldt fügt seiner Inszenierung Videografiken hinzu, textbezogene kleine Psychogramme, Skizzen, die Zeitsprünge und Phantasien erzählen und zusammen mit Sounds und Spots dem emotionsgeladenen Sprechtheater neue Dimensionen ermöglicht: Packendes, zeitgemäßes Theater, das die sozialen Brennpunkte nicht ausspart.
Neu-Ulmer Zeitung
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