Die Buddenbrooks
Der Kapitalismus frisst seine KinderLübeck in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die alteingesessene Kaufmannsfamilie von Konsul Jean und Konsulin Bethsy Buddenbrook hat im Getreidehandel über Generationen ihr Glück gemacht und genießt mit ihren drei Kindern Thomas, Christian und Tony das Leben in einer aufstrebenden Wirtschaftsmetropole. Das Private ist untrennbar mit dem Geschäftlichen verbunden, Familie und Firma sind eins. Als Konsul Jean stirbt, beginnt der Stern der Buddenbrooks langsam zu sinken, und ein bewegendes Familienschicksal nimmt seinen Lauf.
Mit großem Geschick und Sinn für das Verdichten dieser großen Dichtung hat John von Düffel - im Hauptberuf Dramaturg am Thalia Theater Hamburg - eine konzentrierte Theaterfassung erarbeitet, in der in zwei Teilen hauptsächlich von den Geschicken und Lebenslügen der drei Kinder Tony, Christian und Thomas erzählt wird, die mit dem vom Vater geprägten Ehrenkodex und dem Zwang zum erfolgreichen Dasein auf spektakuläre Art scheitern.
Mit ebensolchem Geschick spürt die Inszenierung von Malte Kreutzfeldt sowohl dem Sittengemälde als auch den heutigen Bezügen dieses Stoffes nach. Seine behutsame Modernisierung nimmt ihren Anfang zunächst in historischen Kostümen zwischen den Säulen des buddenbrookschen Wohnhauses. Stilsicher und konsequent ziehen aber von Szene zu Szene modernere Elemente in den Abend ein, und man möchte beinahe glauben, auch die Figuren würden im Verlauf des Abends aus der Steifheit ihres historischen Hintergrundes heraustreten: Den Anfang macht der von Oliver Firit virtuos im Slapstick angelegte Grünlich, gefolgt von Alexander Hetterles Christian, der sich in London schon früh den ersten Schuss setzt. Eine von Daniela Schober genau und raffiniert gebrochene Tony überlebt nur mühsam zwei scheiternde Ehen, und Nils Brücks Thomas begreift zu spät, in welche Falle sein beflissenes, dem Vater stets Genüge tun wollendes Sein ihn bringt.
Am Ende sehen wir die Geschwister beinahe im Extemporé-Stil am Grab der Mutter frotzeln, und Gerda (Judith Raab) beschließt den höchst amüsanten und dennoch zutiefst nachdenklich stimmenden Abend mit einem ungeheuerlichen Textmonument von fast zehn Minuten, in denen sie anhand der Beschreibung des Piano spielenden Sohnes Hanno in beinahe hellseherischer Manier den Abend grandios zusammenfasst.
Ein Abend, der das Publikum zweieinhalb kurze Theaterstunden in die Welt eines großen Klassikers entführte - und zu begeistertem Applaus hinriss.
Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau