Staatstheater Oldenburg :: Premiere 19. Februar 2009
Mutter Courage
Diese Frau lernt nichts dazuDer Raum könnte eine schäbige Fabrikhalle in Stalingrad sein oder ein verlassener Industriesaal im Jugoslawienkrieg, über den schon mal ein Hubschrauber oder Jet donnern.
Mutter Courage verliert zwei Söhne, weil sie nur ans Geschäft denkt. Als ihre Tochter verunstaltet und voll mit Blut reintorkelt, fällt sie nur kurz aus ihrem Verhalten. Gleich stapelt sie wieder ruhig Waren. Diese Frau lässt sich den Krieg nicht madig machen: Die Dame lernt nichts dazu.
Woran sie glaubt? An Geld. Gegenwärtig nicht tröstlich. In dieser Inszenierung will das Stück nicht mehr die Schrecklichkeit von Krieg erklären. Es zeigt vielmehr, dass der Mensch nichts lernt - auch nicht ganz neu, aber immer gut zu wissen.
Diese "Mutter Courage" ist kein Brechtmuseum. Es ist ein moderne Inszenierung fast jenseits des epischen Theaters. Oder, um im Thema zu bleiben, ein gutes Geschäft.
Reinhard Tschapke :: Nordwest-Zeitung :: 21. Februar 2009
Not kennt kein Gebot
Brecht als ewiger Moralist, seine Dramen als Lehrstücke mit eindeutiger Botschaft?
Am Oldenburgischen Staatstheater gelingt es Regisseur Malte Kreutzfeldt, sich diesem Diktum geschickt zu entziehen. Zwar hängen ganz in der Tradition des epischen Theaters Hinweisschilder vom Schnürboden herab. Und auch auf die Band mit Bass (Sascha Müller), Schlagwerk (Bino Engelmann) und Gitarre (Gunnar Greszik) ist Verlass.
Immerhin aber spielt "Mutter Courage" nicht auf Landstraßen, in Feldlagern oder Offizierszelten. Vielmehr hat sich die geschäftstüchtige Mutter dreier Kinder (Gaby Pochert) in einem verfallenen Industriebau eingerichtet - weshalb sie auch keineswegs mit Sack und Pack dem Militärtross nachreist, sondern im Gegenteil die Herren vom Militär bei sich zuhause antanzen lässt. Statt eines Planwagens sorgt ein Klavier für heimelige Stimmung im Kriegsgebiet. Mit ihm, dem Krieg, lassen sich schließlich auch vom Wohnzimmersessel aus Geschäfte machen.
Der Zynismus des Krieges wird in vielen Szenen sinnhaft erfahrbar: Eine überzeugende Figurenführung trifft auf authentisches Schauspiel. So lässt Gaby Pochert hinter dem burschikosen Auftreten ihrer Mutter Courage mütterliche Züge durchscheinen, ohne dabei die Grenze zum Sentimentalen zu überschreiten. Das unbeirrbare Festhalten am Krieg als beste, weil renditeträchtigste Lebensform erhält bei Pochert eine verstörende Logik: Wer gewohnt ist, sein Handeln stets auf das nächste Geschäft auszurichten, verdrängt auch den Tod der eigenen Kinder.
Kreutzfeldts konzeptionelle Entscheidungen stehen im Dienste solch klassischer Brecht-Botschaften. Wenn sich der Feldprediger auf der Flucht vor den anrückenden Katholiken durch die Publikumsreihen zwängt, kommt darin in urbrechtschem Sinne die Feigheit moralischer Instanzen zum Ausdruck. Und wenn später der Mutter Courage die Leiche ihres Sohnes Schweizerkas (Sascha Grüb) in einem Einkaufswagen präsentiert wird, so steht dieses Bild ganz im Zeichen des Schreckens kriegerischer Realität.
Johannes Bruggaier :: Kreiszeitung :: 21. Februar 2009
Besetzung