Carl Zuckmayer
Der Hauptmann von Köpenick
Himmlische Uniform
Eine sommers wie winters mögliche Übersättigung mit "Hauptmann von Köpenick"-Inszenierungen schafft gerade die richtige Gemütslage für einen Besuch im Staatstheater Darmstadt. Denn dann kann man jetzt erst recht staunen, wie unaufdringlich Malte Kreutzfeldt das Solide mit dem Ausgeflippten verbindet zu einem starken, frechen, bösen Abend auch für Ausgelaugte und Abgebrühte.
Wir sind es am Anfang nun auf einmal selbst, die der Hauptmann Schlettow, Tilman Meyn, anblafft (bei Carl Zuckmayer ist es noch das arme kleine Schneiderlein). Auf einem Fließband kam er dazu auf die schmale leere Bühne gefahren. Nachher werden sich Zwischenwände nach hinten öffnen (Ausstattung Nikolaus Porz). Die Wirksamkeit dieser ersten Szene beruht darauf, dass jeder sie kennt. Der Mann, die Uniformjacke, die Problematik mit dem Knopfabstand. In der Tat.
Dann belebt sich das Fließband mit den Leuten vom Amt, und der aus der Haft entlassene Wilhelm Voigt, Andreas Manz, muss sich hier vom wirren Kollektiv zusammenstauchen lassen. Das ist die Macht des Staatsapparats.
Dann aber sieht man den Oberschneider Wormser mit der neuen Schlettowschen Uniformjacke, und die Uniformjacke ist so schön und der Wormser so zufrieden, und Hubert Schlemmer spielt seine Seligkeit wie Charlie Chaplin es getan hätte, und dazu erklingt Musik wie vom Himmel herab. Das ist der Kitsch des Militärischen. Der Preis für diese geniale, mehrfach und immer noch schöner variierte Szene dürfte sein, dass den Zuschauern beim Abhören der Arie "Casta diva" aus Bellinis "Norma" künftig stets preußische Uniformjacken vorschweben werden. Es ist die Sache wert.
Nun entfaltet sich eine Art Nummerntheater. Jede Nummer ist ausgeklügelt und pfiffig, ausführlich und individuell ausgestattet. Die Häftlinge nähen an historischen Darmstädter Nähmaschinen. Die Bediensteten im Bürgermeisteramt veranstalten ein Schreibmaschinenballett mit ihrem Chef Uwe Zerwer als Gene Kelly. Und jede Nummer bietet Paraderollen nicht nur für Wilhelm Vogt, den Andreas Manz defensiv, aber angenehm unsüßlich spielt, sondern fürs ganze Ensemble. Statt Resten von Gemütlichkeit gibt es eine große Portion Satire.
Als Klammer wirft Kreutzfeldt Zeilen aus den "Bremer Stadtmusikanten" an die Wand. Dabei bleibt hier offen, ob sich im Leben immer etwas Besseres als der Tod findet. Auf dem Theater: ja, klar.
Frankfurter Rundschau, 10. Dezember 2009
Preußen am laufenden Band
Beim Schneider Wormser kann man die Evolutionslehre als Kleiderordnung kennen lernen: "Vom Gefreiten aufwärts beginnt der Darwinismus, aber der Mensch fängt erst beim Leutnant an." Auf die Schulterstücke, nicht auf den Charakter kommt es an. Das sagt bei Carl Zuckmayer der Mann, der mit einer fleckigen Gala-Uniform dafür sorgen wird, dass aus dem Tippelbruder Wilhelm Voigt der Hauptmann von Köpenick wird. Regisseur Malte Kreuzfeldt interpretiert Wormsers Evolutionslehre der Uniform im Staatstheater Darmstadt genau entgegengesetzt, streift Preußens Glanz und Gloria ab, zieht dem Hauptmann den Rock aus - und siehe, da steht ein Mensch. Ohne Rang und Abzeichen bleibt die bloße Kreatur.
Am Anfang des Abends im Kleinen Haus ist es der echte Hauptmann von Schlettow, der in langer Unterhose darauf wartet, dass er vom Schneider vermessen wird, am Ende der falsche Hauptmann Wilhelm Voigt mit blanker Brust. Und beidesmal sieht es mehr nach "Woyzeck" als nach "Köpenick" aus. In Darmstadt scheint der Schuster Voigt direkt von Georg Büchner geschickt worden zu sein, und wenn er noch etwas weiter marschiert, dann landet er wohl bei den grellen Expressionisten. So wie Malte Kreuzfeldt den beiden Hauptmännern die Hosen runterzieht, so entkleidet er auch das Stück vom jemütlichen Milljö.
Vor den hellen Trennwänden, mit denen Bühnenbildner Niklaus Porz Raum und Szenen gliedert, ist das Berliner Lokalkolorit ganz in den Dialekt verlegt. Vom Sittenbild des Wilhelminismus sind nur blaue Uniformen und Pickelhauben übrig. Es ist dies eine stimmige Lesart eines Stücks, das mit seiner Kritik am Militarismus doch längst überholt schien. Und es ist ein Abend, der die Erinnerung an Helmut Käutners stilprägende Verfilmung mit Heinz Rühmann aus dem Jahr 1956 mit dem ersten Bild verdrängt, weil hier eben kein schmunzelndes Schelmenstück vorgeführt wird, der Hauptmann von Köpenick kein Eulenspiegel mit Schulterklappen ist.
Die Regie kauft Zuckmayers Preußen schnell den Schneid ab - und das im besten Sinne. Es ist ein erfreulicher Einstand für Malte Kreuzfeldt, der bisher noch nicht in Darmstadt inszeniert hat, von dem man aber gern mehr sehen würde: langer, teilweise rhythmischer Beifall und viele Bravos nach zweieinhalb Stunden bei der Premiere am Freitag. Ovationen vor allem für Andreas Manz, der mit seinem uneitlen Spiel längst eine wichtige Stütze des Ensembles ist.
Sein Schuster Voigt ist ein Getriebener in einem System, dem er leise und verzagt ausgeliefert scheint. Vorbestraft, wie er ist, kriegt er keinen Ausweis, ohne Pass keine Arbeit, ohne Arbeit keine Unterkunft. Dass dieser Voigt, den es ja wirklich gab, als Urkundenfälscher bei der Polizei einbricht und schließlich im Rathaus einmarschiert, ist die irrwitzige Konsequenz einer Bürokratie ohne Entrinnen. Andreas Manz verkneift sich jeden spitzbübischen Zug, sein Hauptmann triumphiert nicht ob der eigenen Verwegenheit, er erschrickt nur über die Welt, die ihn zu solch einer Verzweiflungstat treibt.
Die vermeintlichen Paradeszenen des Stücks büßen dabei an vertrauter Wirkung ein. Süffige Satire ist an diesem Abend nicht drin, wenn die Zuchthäusler die Schlacht von Sedan zwischen Nähmaschinen als strategische Trockenübung nachexerzieren. Der Coup des falschen Hauptmanns, der Soldaten rekrutiert, den Bürgermeister von Köpenick verhaftet und die Stadtkasse beschlagnahmt, hat denn auch nichts von einem Husarenstück - es ist eine bedrohlich umnebelte Machtergreifung. Und auch das Melodram mit dem kleinen kranken Mädchen, das tatsächlich von einem Kind gespielt wird (Jil Lorz/Lisa-Katharina Harres), ist so weit in den Bühnenhintergrund gerückt, dass keine Sentimentalität aufkommen kann.
Dafür inszeniert Malte Kreuzfeldt Preußen am laufenden Band, zeigt Szenen beim Amt vor einem gespenstischen Chor der Bürokraten, an denen Wilhelm Voigt vorbeigefahren wird, als wäre er in eine Groteske von Franz Kafka geraten, in eine vielstimmige Amtsmaschine, auf ein Behördenfließband, wo jeder, der nicht ins Raster passt, zum Ausschuss wird. Die Darmstädter Inszenierung deutet das nicht als Parabel über Hartz IV und Neue Armut - das bleibt Stoff fürs Programmheft.
Diese Inszenierung leuchtet vielmehr Charaktere und Karikaturen gespenstisch aus, um wandelnde Psychogramme zu zeigen. Und das gelingt prägnant. Wie die Uniform den Menschen formt und deformiert, zeigt der Abend in drei starken Studien: Tilman Meyn, der sich darauf versteht, Nebenrollen so auszugestalten, dass sie plastisch wie Hauptfiguren hervortreten, führt den Hauptmann von Schlettow als Zwangscharakter vor: Seine Pedanterie hat etwas Paranoides, und seine Uniform ist ihm ein Seelenkorsett, ohne das er in Selbstmitleid zerfließt oder vor Zorn schier platzt.
Uwe Zerwer beugt sich als Bürgermeister von Köpenick so c-förmig, dass auf den ersten Blick klar wird: Dies ist kein orthopädischer, sondern ein moralischer Haltungsschaden. Der Reserve-Oberleutnant ohne Rückgrat sorgt an der Seite von Sonja Mustoff als Gattin mit Hysterie und Panik für eine kleine Farce.
Eher ein Kleinbürgerspuk sind hingegen die Szenen bei Voigts Schwester Marie (Maika Troscheit): So wie Schwager Friedrich den Wilhelm willkommen heißt, klingt das wie eine Drohung. Maries Mann hat den vergeblichen Ehrgeiz, Vizefeldwebel zu werden, weshalb ihm die Uniform eine Zwangsjacke ist. Wenn er von Kollektiv und Korpsgeist spricht, sich an den Säbelschaft kuschelt und das Glück einer kalten Klinge sucht, dann zeigt Matthias Kleinert die halslose Fratze eines manischen Untertanen.
Es sind drei bedrohliche Porträts, drei psychopathologische Befunde, die weit über das Kaiserreich hinausdeuten, die daran erinnern, dass Zuckmayer sein Stück nur wenige Jahre vor Hitlers Machtergreifung geschrieben hat. Der Verführer zum Uniformenkult ist an diesem Abend jener Schneider Wormser, der den blauen Rock religiös wie eine Reliquie präsentiert und lüstern wie einen Fetisch anpreist. Hubert Schlemmer spielt ihn wie einen Illusionisten, der um die verzaubernde Erotik und die kultische Bannkraft der Macht weiß.
Nur einer widersteht diesem Zauber, der ja nur eine Autosuggestion ist: der Schuster Voigt, der in seiner Verkleidung eine tief unglückliche Figur macht. Er hätte das Zeug zum echten Hauptmann gehabt, lobt ihn der schnarrende Gefängnisdirektor (Aart Veder). Andreas Manz aber spielt die Titelrolle, als hätte Wilhelm beim Militär ein schlimmeres Schicksal erwartet: Unter der Uniform trägt er ein zerschlissenes Seelenkostüm, das auch dem Soldaten und Frauenmörder Woyzeck wie angegossen gepasst hätte.
Stefan Benz, Darmstäder Echo, 7. Dezember 2009
Auf dem Laufband der Zeit
Die sprichwörtliche "Köpenickiade". Jeder weiß, was man darunter versteht, dass nämlich jemand durch einen witzigen Einfall einer Sache eine unvorhergesehene Wendung gibt. Jeder kennt auch die Geschichte von jenem Mann, der sich eine Uniform besorgt, mit ein paar Soldaten ins Köpenicker Rathaus marschiert, dort die Stadtoberen traktiert, die Kasse einkassiert. Und schließlich weiß man seit dem unvergessenen Film mit Heinz Rühmann, dass es sich hier um einen armen Teufel handelt, um den "kleinen Mann", der sich zur Wehr setzen musste; eine komische Figur mit tragischen Zügen. Dieser "Hauptmann von Köpenick" ist jetzt wieder im Darmstädter Theater zu sehen.
Als Carl Zuckmayer 1931 sein Schauspiel nach einer historischen Begebenheit noch aus Kaiser Wilhelms Zeiten schrieb, da hatte er mit dem Thema der devot respektierten Uniform und des unbedingten preußischen Gehorsams eine prophetische Warnung im Sinn: Das Dritte Reich stand vor der Tür. Mit dem seinerzeitigen Geist muss man nun nicht mehr rechnen, aber über alle Jahre hin ist sein Stück doch eine der schönsten deutschen Komödien geblieben, immer ein Erfolg, immer beklatscht. Dennoch stellt sich wie jedes Mal die Frage, was es uns heute zu sagen habe.
Regisseur Malte Kreutzfeldt sieht es ganz aktuell an. Er zieht Parallelen. Er installiert an der Rückwand des kühlweißen Raums (Nikolaus Porz) ein Laufband der Zeit, das die aufspringenden Menschen gnadenlos mitnimmt; verweist auf die Finanzkrise, erinnert an Mindestlohn, Kurzarbeit, 400-Euro-Jobs, und sagt: "Wer arbeitslos ist, steht draußen". Fast verwunderlich, dass er diesen Schicksalsblick nicht ausweitet, aber es ist ein Lustspiel. Selbst die Tristesse des nächtlichen Männerheims hat in der zentimetergenauen Anordnung der Betten etwas Groteskes, und ein Paradestück ist natürlich die Feier des Sedan-Tags im Gefängnis, an dem die Männer von ihren Nähmaschinen zum Exerzieren antreten, von Aart Veder als dem hell begeisterten Direktor angespornt. Nicht zu übersehen die pointierte Gleichsetzung der Arbeitswelt mit diesem Drill.
Zuckmayer schrieb als Untertitel "Ein deutsches Märchen", und er wollte damit wohl das Unwahr-Wahre der Geschichte, ihre menschliche Seite beschwören. Dazu steht der satirische Ansatz, wenn so aufgeplustert, in gewissem Gegensatz: die Familiendramen bei Feldwebels (mit Matthias Kleinert, Maika Troscheit), bei Bürgermeisters (mit Uwe Zerwer, Sonja Mustoff); doch seriös Norbert Schlemmer als Schneider Wormser. Wiederum gibt es diese lange poetische Szene mit dem kranken Kind und dem traurigen Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. Und die Diskussion zwischen Voigt und seinem Schwager über den Einzelnen und die Gesellschaft, über Ordnung und Einordnung wird ernst geführt.
Den Auftritt als Hauptmann vollführt Andreas Manz mit allen militärischen Schikanen. Von Haus aus ist er allerdings eher ein bescheidener Mensch, ein Arbeitertyp, aufgeweckt, lebenstüchtig, allenfalls ein bisschen weich. Beeindruckend zu merken, wie die lange Haft seine Statur leise geduckt hat. Beklemmend seine Stummheit, wenn er erfährt, dass Köpenick die erhoffte Passstelle gar nicht hat. Wenn er allerdings zum Schluss sich stolz im Spiegel bewundern soll, dann blickt er stumm ins Publikum.
Bruno Russ, Mainzer Allgemeine, 7. Dezember 2009
Besetzung